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REISE MAGAZINE
(Germany)
March 2002
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CAPRI
Hier hat er sie verloren
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Sie hatten neunzehn
glückliche Jahre miteinander verlebt.
Ihren zwanzigsten Hochzeitstag ani 15. Oktober wollten sie auf Capri
feiern. Anselm fand, es sei ein idealer Zeitpunkt, uni die Insel ohne
Menschenmassen - ,, pur" - zu erleben .
Charlotte war vom kleinen Hotel Maresca direkt an der Marina Grande
begeistert. Von der Terrasse schauten sie auf die Mole mit den Fährschiffen
und Jachten, wenn sie den Blick hoben, sahen sie die Häuser von
Capri -Stadt am Felshang kleben. "Da müsste man hinauffliegen
können", seufzte Charlotte. Anselm sah sie erstaunt von der
Seite an. "Das brauchst du nicht. Die Funicolare, die Drahtseilbahn,
bringt uns direkt auf die Piazzetta, wo wir unseren Campari trinken
werden." Sie wandte nicht den Kopf und nickte leicht .
Der Abend war mild, und die Piazzetta gesteckt voll mit Capresi,
den Bewohnern Capris. Man kam hierher, uni gesehen zu werden und zu
sehen, das Übliche. Geschäfte wurden besprochen, appuntamenti
vereinbart, Neuigkeiten aus -getauscht, Geschichten in die Welt gesetzt.
In seiner Geschlossenheit wirkte der kleine Platz auf Charlotte wie
ein Wohnsalon im Freien. Die Jungen saßen in der Piccolo Bar,
die Älteren im würdigen Tiberio und im Gran Caffè.
"
Was meinst du, ob wir ein paar Stars sehen werden?
Richard Gere vielleicht, oder Madonna?" Anselms linke Augenbraue
hob sich unmerklich. Sie kannte das gut an ihm, und wenn sie es recht
bedachte, hatte sie es nie besonders gemocht. Er mochte fast alles an
seiner Charlotte, ihre kindliche Verehrung für Leinwandgrößen
teilte er nicht.Signor Esposito meldet sich zu Wort
,,No, Signora!", hörte Charlotte plötzlich eine Stimme
neben sich. Zwei wache braune Augen funkelten sie freundlich an. ,,Scusi!
Ich habe mich ungefragt in Ihre Unterhaltung gemischt, ohne mich vorzustellen.
Riccardo Esposito mein Name. Ich bin Buchhändler und Verleger.
Ich muss Sie lei - der enttäuschen, Signora. Wir leben in einer
Zeit der Prominentendämmerung.
Jetsettern werden Sie hier kaum noch begegnen. Früher, ja, da war
Capri Treffpunkt der Luxus-Clochards aus aller Welt. Anarchisten, Sozialisten,
Kommunisten, Faschisten, Propheten, Poeten, Maler, Dandys und reiche
Spinner, alle liebten die Insel. Viele kehrten immer wieder zurück,
manche blieben und bauten sich Häuser. Capri wurde zum Mythos,
geformt und belebt von denen, die es cum grande passione liebten, etwa
dem römischen Kaiser Tiberius, dem genialen Dandy Jacques Fersen,
dem schrulligen Arzt Axel Munthe, dem Industriellen Friedrich Krupp,
den Malern Diefenbach und Depero, Dichtern und Schriftstellern wie Rilke,
Neruda oder Malaparte. Aber seit den Siebzigerjahren überschwemmen
Tagestouristen, die mit den Schnellbooten aus Neapel und Sorrent kommen,
die Insel. Und die Prominenten bleiben aus. Es kam, wie es kommen musste:
Zuerst wurde Capri von seinem Mythos genährt, dann von ihm aufgefressen.
Zum Glück erwacht in uns Capresi neuerdings ein bisher ungekanntes
Identitätsbewusstsein.
Wir, die glücklosen Nachgeborenen, müssen verhindern, dass
aus Capri eine Art Capri-Disneyland wird. Wie das gehen soll, wissen
wir aber selbst noch nicht so genau. Charlotte hatte dem leidenschaftlichen
Monolog des Buchhändlers aufmerksam gelauscht, und auch Anselm
war von dieser kritischen Eloge auf Capri tief beeindruckt. Er verschwand
in Espositos Buchhandlung und tauchte erst Stunden später mit einem
Sack Capri-Literatur wieder auf. Sein Historikerherz hüpfte vor
Freude. Seine Frau schlürfte derweil zufrieden ihren dritten Campari
und hielt heimlich weiter nach Prominenten Ausschau.Tiberius war eigentlich
ein netter Kerl
"
Heute ist Tiberius-Tag! Wir wandern zur Villa Jovis und zur Villa
Damecuta. Zieh dir bequeme Schuhe an", verkündete Anselm am
nächsten Morgen beim Frühstück auf der Terrasse des Hotels
Maresca. Eigentlich hätte sich Charlotte gem ein bisschen am Meer
gesonnt, vielleicht sogar ein paar Schwimmzüge gewagt. Das Wasser
war ja noch warm wie im Sommer. Aber Anselm drängte zum Aufbruch.
Gutmütig marschierte sie hinter ihm her.
Der Weg führte durch die engen Gassen von Capri-Stadt, durch Weingärten,
an gepflegten Villen vorbei, immer weiter bis zur Ostspitze der Insel.
Ein kurzer Halt im Parco Astarita verhalf Charlotte zu einer Verschnaufpause. "In
diesem Park lustwandelte Tiberius, wenn er vom Regieren die Nase voll
hatte", erklärte Anselm. Immer, wenn er seiner kleinen Charlotte
große Geschichte erklärte, befleßigte er sich der ,,volksnahen
Ausdrucksweise", wie er es nannte. ,,Tiberius war gar nicht der
grausame Kerl, als den ihn die Geschichtsschreiber gem hinstellen, eher
ein vom Leben und Regieren enttäuschter alter Mann. In der einsamen,
wilden Natur Capris konnte er ein wenig Frieden finden. "
Das verstand Charlotte gut.
Die Ruinen der Villa reizten ihre Phantasie weniger. Aber der Abgrund!
Magisch zog es sie an den Rand der steil zum Meer abfallenden Felswand. "Tacitus
schreibt ja, dass Tiberius hier seine Gegner hinuntergestoßen
habe. Aber das darf man nicht ernst nehmen, denn der war dem Kaiser
nicht sonderlich grün." Anselm war ganz in seinem Element.
Er hatte die Hände hinter dem Rücken verschränkt und
wippte leicht auf den Fersen. Er wirkte sehr zufrieden mit sich. Charlottes
Gedanken schweiften an den Horizont, dorthin, wo sich das saphirblaue
Meer mit einem blassblauen Horizont vereinigte. Sie seufzte leise. Eine
unbestimmte Sehnsucht breitete sich ihn ihr aus.
Zur Abwechslung schlug Anselm generös eine romantische Fahrt in
die Blaue Grotte vor. Sie waren die einzigen Gäste auf dem Boot.
Ob er eins der berühmten Capri -Lieder singen sollte, vielleicht "Tu
luna, tu, luna Caprese", fragte Rodolfo, ein waschechter Caprifischer.
Charlotte nickte eifrig, Anselm schüttelte heftig den Kopf. Also
sang Rodolfo von der Liebe und dem Mond auf Capri. Auf das blaue Wunder,
das unbeschreibliche Licht, das die Grotte erfüllte, darauf waren
beide nicht gefasst. Sie nahmen sich an der Hand wie Kinder und staunten.Ein
erster, kleiner Schwindelanfall
"
Auf, auf! Die Villa Damecuta ruft!" Anselm hatte sich schnell von
der blauen Romantik erfangen und schleppte Charlotte zum nächsten
Programmpunkt. Die Villa war ihr eigentlich von Herzen wurscht, was
sie aber ihrem Anselm nicht sagte. Sie sah nicht ein, warum ein griesgrämiger
Kaiser so viele Villen brauchte. Und sie verstand auch nicht, was Anselm
an den spärlichen Resten, die von der Villa Damecuta übrig
waren, so begeisterte.
Sie genoss den Duft der Pinien und die Sonne, die ihr Gesicht wärmte
und ihr Haar kupferrot aufleuchten lieg. Einer dieser herrlich-kitschigen
Sonnenuntergänge war zu erwarten. Anselm und Charlotte erlebten
ihn vom Belvedere di Migliera aus. Charlotte schaute versonnen in die
Tiefe. Steil stieß die Felswand ins Meer hinein. Möwen kreisten über
dem Abgrund. Ihr wurde ein wenig schwindlig, und mit ihrem Blick suchte
sie Halt am Leuchtturm. Ein rot-goldenes Band zog sich von der untergehenden
Sonne über das Meer his zu Charlotte und Anselm, und sie erinnerten
sich plötzlich gleichzeitig daran, dass morgen ihr Hochzeitstag
war.Die Nachtigall fängt an zu schlagen
Am nächsten Morgen überraschte Anselm seine Charlotte mit
einem Bild. Darauf war in leuchtenden Farben die Piazzetta mit ihren
Bars und Caffès zu sehen - und in der Mitte schwammen Gondeln
umher wie in Venedig. "Du liebst doch Venedig genauso wie Capri.
Als ich dieses Bild bei Carmelina in der Via Cercola entdeckte, habe
ich es ihr ahgeluchst. Zuerst wollte sie es mir gar nicht geben, auch
nicht um viel Geld. Dann erzählte ich ihr von dir und deiner Begeisterung
für beide Städte und dass heute unser Hochzeitstag ist. Da
hat sie es mir geschenkt. "
Charlotte wollte sich hei der Malerin pers?nlich bedanken und traf
eine Frau von achtzig Jahren, voller Lebensfreude und Humor. Alles fing
damit an, erzählte Carmelina, dass ihr kleiner Sohn einmal schwer
krank war und sich sehnlichst Malfarben wünschte. "Ich hatte
kein Geld, also betete ich ganz innig zu Jesus. Da wurde ich innerlich
ganz leicht, als ob ich fliegen könnte. Ein großes Glücksgefühl
erfüllte mich.
Und am Nachmittag desselben Tages lieb mir ein Nachbar Geld für
Farben! Als ich meinem Sohn Zeichnen und Malen 'beibrachte, entdeckte
ich, wie viel Freude es mir selbst machte. Anfangs malte ich meine Bilder
auf alte Leintücher. Immer Capri, etwas anderes kannte ich ja nicht." Und
eines Tages geschah das große Wunder: Die Principessa Borghese
erstand eines von Carmelinas Bildern. Dann kaufte auch Sophia Loren
eines. Carmelina lachte. "Auf einmal war ich berühmt und hatte
sogar Geld, so viel, dass ich meiner Familie ein Haus kaufen konnte." Nachdem
Charlotte sich von Carmelina verabschiedet hatte, war sie sehr still.
Anselm wusste das nicht recht zu deuten. Er glaubte, sie aufmuntern
zu müssen, und schlug ihr den Besuch der Villa Axel Munthes vor.
Charlotte liebte dessen berühmtes "Buch von San Michele" und
zitierte hei jeder sich bietenden Gelegenheit daraus. Anselm selbst
hielt es eher für eine schw?lstig missglückte Autobiografie,
aber diese Meinung behielt er wohlweislich für sich.
Wenig später musste er zugeben, dass ihn die schlichte Villa und
der Garten mit dem römischen Säulengang, den vielen Statuen
und der Zypressenallee stark beeindruckten. Widerwillig musste er auch
eingestehen, dass ihn die rührselige Inszenierung in der kleinen
Kapelle am Ende des Gartens ansprach: Als sie eintraten, ertönten
Klaviermusik von Chopin und der süße Gesang von Nachtigallen.
Ausnahmsweise störte es ihn nicht, dass die Klänge vom Band
kamen.
Der sonst so nüchterne Anselm war bezaubert.Der Liebe und dem Schmerz
geweiht
Am Ende des Porticus blickt die berühmte Sphinx weit ?ber Capri
und das Meer hinaus in eine geheimnisvolle Unendlichkeit. Charlotte
verharrte lange dort, regungslos wie die steinerne Sphinx. Als Anselm
sie vorsichtig an der Schulter berührte, schien sie wie aus Trance
zu erwachen. Geschäftig, um den eigenartigen Gemütszustand
seiner Frau zu überspielen, den er auf den heftigen Wind zurückführte,
der schon den ganzen Tag wehte, organisierte AnseIm ein Taxi, das sie
zur Villa Fersen brachte. Das sollte die zweite Überraschung an
diesem Tag für Charlotte sein.
Da die Villa um diese Jahreszeit für die …ffentlichkeit geschlossen
war, hatte er sich auf der Gemeinde den Schlüssel besorgt. Nun
standen sie beide davor. Einem griechischen Tempel gleich, hatte der
französische Baron Jacques Fersen sie für sich und seinen
Geliebten Nino Cesarini erbauen lassen. Auf dem Architrav ließ er
die Inschrift anbringen: Amori et dolori sacrum - der Liebe und dem
Schmerz geweiht.
Die weißen Säulen mit den Goldkanneluren leuchteten im Sonnenlicht,
das durch die dunklen Zypressen auf sie fiel.
Hier hatte Baron Fersen sein unglückliches Leben gelebt, und hier
hatte er es durch eine Überdosis Kokain beendet.
Die einen nannten ihn einen dekadenten Dichter, die anderen einen
exzentrischen Dandy, alle aber sagten über ihn: Era diverso. Er
wäre so ganz anders als sie selbst. Charlotte schritt nachdenklich
durch die verwaisten Räume.
Als sie auf die Terrasse ins Freie trat, blähte der Sturm ihren
Mantel, und einen Augenblick lang schien es, als wollte sie ganz Capri
umarmen und davonfliegen, in die Weite des Himmels. Und fort flog sie.
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